Programm­be­schwerde an das ZDF

(2021)

Beitrag „Klein-klein-Klima­schutz war gestern“ von Volker Angres vom 9. August zum IPCC Report, gesendet in mehreren „heute“-Nachrichtensendungen und veröf­fent­licht in der ZDF-Media­thek

Quelle: https://www.zdf.de/nachrichten/heute-sendungen/weltklimarat-umwelt-erderwaermung-video-100.html (nicht mehr abrufbar)

Sehr geehrte Mitglieder des ZDF Fern­seh­rates, sehr geehrter Herr Dr. Bellut,

mit Entsetzen und Unver­ständnis mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass Herr Volker Angres, der Leiter Ihrer Umwelt­re­dak­tion, sich für die Errich­tung von neuen Kohle­kraft­werken ausspricht und es über­dies so darstellt, als würde der IPCC Report dies fordern.

An Zeit­marke 0:00:10 sagt Herr Angres wört­lich:

„Ja, der Bericht ist tatsäch­lich eine Steil­vor­lage für die Welt­kli­ma­kon­fe­renz und er sagt auch, dass jetzt wirk­lich groß gedacht werden muss. Klein-Klein-Klima­schutz, das war gestern. Die großen Räder müssen gedreht werden. Also zum Beispiel, so komisch das auch klingen mag, modernste Kohle­kraft­werke zum Beispiel nach Indien oder nach Südafrika liefern, um dort die Alten abzu­schalten. Die Wirkungs­grade der Modernen sind besser. Das ist ange­wandter Klima­schutz auf im Moment dann noch fossiler Ebene.“

Er verdreht und entstellt damit nicht nur den Inhalt des IPCC Reports vom 9. August 2021, sondern macht wider besseres Wissen Lobby­ar­beit für die Hersteller von Kohle­kraft­werken, indem er für Länder wie Indien Kohle­kraft­werke neuer Bauart als Brücken­tech­no­logie darstellt.
Kohle­kraft­werke, auch deut­sche, sind keine Brücken­tech­no­logie, die es erlauben würde, die Paris-Ziele zu errei­chen oder erfolg­reich die globale Erwär­mung zu bekämpfen!

Viel­mehr ist richtig, dass Kohle­kraft­werke, egal ob neu oder alt, große Mengen CO2 emit­tieren, erheb­lich zur Erder­hit­zung beitragen und der IPCC keinen Neubau von Kohle­kraft­werken empfiehlt, sondern deren schnellst­mög­li­ches Ende.

An dieser Stelle möchten wir noch auf die Behaup­tungen von Herrn Dr. Bellut in seiner Antwort an die Beschwer­de­führer zu dieser Sache vom 2. September 2021 eingehen. Zitat Dr. Bellut:

„Herr Angres rechnet eine derar­tige Maßnahme [Anm. d. Autors: Bau deut­scher Kohle­kraft­werke in Indien/Südafrika] zu den effek­tivsten Möglich­keiten, dem Klima­wandel zu begegnen bezie­hungs­weise Treib­haus­gas­emis­sionen zu redu­zieren. Genau das fordert auch der IPCC (Inter­go­vern­mental Panel on Climate Change), so wie es im Inter­view zur Sprache kam.“

Auch hier stellen wir wieder fest, dass dem IPCC von Herrn Dr. Bellut unter­stellt wird, dem Gremium halte den Austausch von „alten“ gegen „neue“, effi­zi­en­tere Kohle­kraft­werke zum aktu­ellen Zeit­punkt für eine der „effek­tivsten Möglich­keiten“. Das ist unserer Erkenntnis nach unwahr. Wir bitten deshalb um Belege für diese Behaup­tung.

Zum IPCC-Report sagte UN-Gene­ral­se­kretär Antonio Guterres noch am selben Tag, 9. August 2021:

[…] This report must sound a death knell for coal and fossil fuels, before they destroy our planet. There must be no new coal plants built after 2021. OECD [Orga­ni­sa­tion for Economic Co-opera­tion and Deve­lo­p­ment] count­ries must phase out exis­ting coal by 2030, with all others follo­wing suit by 2040. Count­ries should also end all new fossil fuel explo­ra­tion and produc­tion, and shift fossil-fuel subsi­dies into rene­wable energy. […]

https://www.un.org/press/en/2021/sgsm20847.doc.htm

Beson­ders alar­mie­rend ist auch die folgende Aussage aus dem Schreiben von Herrn Dr. Bellut. Zitat Dr. Bellut:

„Daher müssen in einem Beitrag auch Maßnahmen disku­tiert werden dürfen, die zwar als ‚unan­ge­nehme‘ Zwischen­lö­sungen auf dem Weg zur Klima­neu­tra­lität ange­sehen werden können, aber vergleichs­weise schnell CO2-Reduk­tionen ermög­li­chen.“

Selbst­ver­ständ­lich dürfen Maßnahmen zur CO2-Reduk­tion disku­tiert werden, auch wenn in dem ZDF-Beitrag gar keine Diskus­sion statt­fand. Die Behaup­tung von Herrn Dr. Bellut in seinem Schreiben, dies würde vergleichs­weise schnell CO2-Reduk­tionen ermög­li­chen, ist ebenso waghalsig und durch nichts belegt wie die Aussage von Hr. Angres im ange­grif­fenen Beitrag. Man stellt sich die Frage: Woher bezieht das ZDF seine Fakten?

Viel­mehr führt der Ersatz von alten gegen neue Kohle­kraft­werke zu mehr CO2-Emis­sionen und so genannten „stranded assets“ und damit zu vergeu­deten Mitteln und verlo­rener Zeit bei der Umset­zung nach­hal­tiger Maßnahmen, wie dem Ausbau von erneu­er­baren Ener­gien in Indien und Südafrika.

Herr Dr. Bellut präsen­tiert hier eine weitere, nicht belegte These, um zu kaschieren, dass der Inter­view-Beitrag von Hr. Angres nicht der Wahr­heit entsprach. Effi­zi­ente Kohle­kraft­werke nach Indien zu expor­tieren, ist auch keine „unan­ge­nehme Zwischen­lö­sung“ zur Einhal­tung der Paris-Verträge.

Das ZDF und Herr Angres verstoßen damit in beson­derer Weise gegen den jour­na­lis­ti­schen Grund­satz einer wahr­haf­tigen, belegten und objek­tiven Darstel­lung, wie sie §3 der ZDF-Satzung fordert, als auch gegen Ihre Aufgabe, die „Achtung vor Natur und Umwelt“, hier dem Klima, in ange­mes­sener Form zu stärken.

Wir fordern das ZDF deshalb auf, diese Äuße­rungen umge­hend durch den Inten­danten öffent­lich zu korri­gieren und bitten um eine geson­derte Antwort zu der von uns vorge­brachten Beschwerde.

Mit freund­li­chen Grüßen
Dr. Mario Hütten­hofer • Frie­de­rike Mayer • Michael Flammer
Vorstand von KLIMA° vor acht e.V.

Unsere Programmbeschwerde adressiert einen Beitrag des ZDF vom 9. August zum IPCC-Report: Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion, empfiehlt darin den Bau moderner Kohlekraftwerke, beispielsweise in Indien oder Südafrika.

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